Mehr als Wasserdampf – schon eine einzelne E-Zigarette irritiert die Blutgefässe – NZZ

E-Zigaretten gelten vielen als harmlos, insbesondere, wenn sie kein Nikotin enthalten. Diese Ansicht ist haltlos, solange Langzeiterfahrungen mit dem Dampfen fehlen.
Alan Niederer
(Illustration: Pascal Staub)

(Illustration: Pascal Staub)

In der wöchentlichen Rubrik «Hauptsache, gesund» werfen die Autorinnen und Autoren einen persönlichen Blick auf Themen aus Medizin, Gesundheit, Ernährung und Fitness.

Vor kurzem sprach mich ein Mädchen am Bellevueplatz in Zürich an. Ob ich ihr ein Starter-Set einer bestimmten E-Zigaretten-Marke besorgen könne. Sie selber sei noch zu jung. Ich überlegte kurz und sagte dann Nein. In meinen Gedanken tauchte meine Tochter auf, die achtzehn ist. Hätte ich vor ein paar Jahren gewollt, dass ein Mann ihr dabei hilft, für Zigaretten oder Alkohol den Jugendschutz zu umgehen? Sicher nicht.

Offenbar sehen das nicht alle so eng. Nach meinem Nein trat das Mädchen an den nächsten Passanten heran. Dieser hörte sich das Anliegen an, nahm das Geld und ging zum Kiosk, um das gewünschte Produkt zu kaufen. Wer weiss, vielleicht dachte er sich: Ist ja halb so schlimm, schliesslich sind E-Zigaretten viel gesünder als normale Glimmstengel.

Dampfen statt rauchen – noch sind die Langzeitfolgen des neuen Trends nicht bekannt. (Bild: Imago)

Dampfen statt rauchen – noch sind die Langzeitfolgen des neuen Trends nicht bekannt. (Bild: Imago)

Diese Einschätzung wird besonders gern von den Anbietern der batteriebetriebenen Verdampfungsgeräte verbreitet. Ob sie auch stimmt, ist nicht so einfach zu beurteilen. Zwar sind viele Fachleute der Meinung, dass Zigarettenrauch der Gesundheit stärker zusetzt. Trotzdem: Die trendigen Dampfer inhalieren nicht bloss Wasserdampf mit oder ohne Nikotin, wie manche denken mögen. In den verschiedenen «Liquids», den zu verdampfenden Flüssigkeiten, befinden sich auch Aromastoffe, Lösungsmittel und weitere Zusätze, die beim Verdampfen in potenziell toxische Verbindungen verwandelt werden.

Einmal inhaliert, gelangen die chemischen Substanzen – wie etwa auch Feinstaubpartikel aus verschmutzter Luft – bis in die kleinsten Lungenbläschen und treten von dort ins Blutgefässsystem ein. So können sie neben den Atemwegen auch die Blutgefässe reizen. Letzteres haben Forscher an der University of Pennsylvania in den USA jüngst bei 31 gesunden Personen nachgewiesen. Die Probanden waren im Durchschnitt 24 Jahre alt und Nichtraucher.

Für die Wissenschaft rauchten die Männer und Frauen eine einzelne E-Zigarette: exakt 16 Züge à je drei Sekunden. Vor und nach der Dampf-Session untersuchten die Forscher bei den Probanden mit quantitativen MRI-Aufnahmen den Blutfluss in der Oberschenkelarterie und die Reaktivität des Gefässes, wenn sie den Blutfluss mit einer Manschette kurz unterbrachen. Beide Messgrössen nahmen nach der Dampf-Inhalation ab. Und das, obwohl die E-Zigarette nikotinfrei war.

Laut den Forschern zeigen die Resultate, dass der Konsum von E-Zigaretten die Blutgefässe ungünstig beeinflusst. Dabei wird in den Arterien und Venen die innerste Zellschicht potenziell geschädigt. Verlieren diese sogenannten Endothelzellen ihre Funktion, verdicken sich die Gefässe, und der Blutfluss wird dauerhaft reduziert. Dadurch erhöht sich beim Betroffenen das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Um die Folgen des jahrelangen Dampfens richtig abschätzen zu können, brauche es unbedingt Langzeituntersuchungen, fordern die Wissenschafter.

Dass das neue Hobby von immer mehr Jugendlichen nicht ganz harmlos ist, zeigen auch jüngste Berichte aus den USA. Demnach mussten schon etliche Teenager nach dem Dampfen mit Atembeschwerden ins Spital eingewiesen werden. Noch ist die genaue Ursache unbekannt. Offenbar enthielten einzelne E-Zigaretten, die teilweise mit eigenen Flüssigkeits-Cocktails betrieben wurden, neben Nikotin auch Cannabis.

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