Gentechnisch veränderteMoskitos zur Bekämpfung von Malaria in Burkina Faso freigelassen NZZ

Um die Malaria zu bekämpfen, haben Wissenschafter gentechnisch veränderte Moskitos in Burkina Faso freigelassen
Im Jahr 2017 alleine tötete die Krankheit in Afrika 400 000 Menschen. Forscher wollen die Mücken bekämpfen, welche die Malaria verbreiten. Erstmals setzten sie dabei ein Genkonstrukt ein, dass sich in Windeseile in der ganzen Population verbreitet.
Die Tropenkrankheit Malaria wird nicht nur in Afrika sehr oft durch Moskitos verbreitet. (Bild: CDC)

Die Tropenkrankheit Malaria wird nicht nur in Afrika sehr oft durch Moskitos verbreitet. (Bild: CDC)

In Burkina Faso haben Wissenschafter ein neues Mittel im Kampf gegen Malaria eingesetzt: Sie liessen Tausende gentechnisch veränderte Moskitos frei. Damit begeben sie sich allerdings in eine dornige Debatte über Bioethik.

Es handelt sich um das erste derartige Experiment ausserhalb eines Labors. Denn anders als bei einem Versuch in Brasilien, wurde den Mücken zusätzlich zu einem veränderten Gen auch noch ein sogenannter «gene-drive» eingesetzt. Die Forscher wollen die Moskitopopulation eindämmen, indem sämtliche männliche Nachkommen der gentechnisch veränderten Mücken steril werden.

Keine gewöhnliche genetische Veränderung

Bei einem «gene-drive» handelt es sich um ein Konstrukt, das das veränderte Gen kopiert und bewirkt, dass es an sämtliche Nachkommen weitergegeben wird. Dadurch verbreitet es sich sehr schnell in der gesamten Population (siehe Infografik). Ein normal vererbtes Gen wird hingegen an nur 50 Prozent der nächsten Generation übergeben; in jeder künftigen Generation nimmt der Anteil weiter ab.

Normale Vererbung und Vererbung eines «gene-drive»

Normale Vererbung und Vererbung eines «gene-drive»

Im Jahr 2017 forderte die Malaria in Afrika 400 000 Todesopfer. Gemäss der WHO ist der Fortschritt im Kampf gegen die Krankheit zum Stillstand gekommen. Das hat Forscher dazu veranlasst, neuartige Ansätze zu fördern.

«Mit den konventionellen Tools, die wir heute zur Verfügung haben, sind wir an einer Grenze angelangt», sagt Abdoulaye Diabate, der das Experiment für «Target Malaria» durchführt. Target Malaria ist ein Forschungskonsortium, das von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt wird.

Injizierte Enzyme

An einem heissen Juliabend schälten Diabates Forscherkollegen Maschennetze von mit Draht eingefassten Behältern, um ungefähr 5000 männliche Moskitos in Souroukoudinga freizulassen, einem Dorf im Westen von Burkina Faso. Den Moskitos waren im Embryonalstadium Enzyme injiziert worden, welche die weitere Fortpflanzung beeinflussen. «Es ist nicht unser Ziel, die Moskitos auszurotten», sagt Diabate, und er merkt an, dass das Enzym nur auf eine von drei Hauptspezies abzielt – von mehr als 3500 weltweit –, die Malaria in sich tragen. Das Ziel bestehe vielmehr darin, die Populationsdichte dieser Moskitos zu verringern.

Die Firma entwickelt derzeit auch ein Enzym, das verhindert, dass männliche Mücken das X-Chromosom weitergeben. Dann könnten sie nur das männliche Y-Chromosom weitergeben, und das würde dazu führen, dass es 100 Prozent männliche Nachkommen gibt. Diese übertragen die Krankheit nicht, weil sie kein Blut saugen.

Diabate sagt, er hoffe, dass die neuen Ansätze bei den nationalen Regulierern Zustimmung finden würden, so dass in den kommenden Jahren ein weitflächiger Einsatz möglich werde.

Die Wirksamkeit des «gene-drive» konnte letztes Jahr in Laborexperimenten am Imperial College London nachgewiesen werden: Die Forscher sagten, sie hätten innerhalb von elf Generationen Populationen von in Käfigen eingesperrten Moskitos ausgerottet.

Kritik und Wohlwollen

Aktivisten in Burkina Faso fürchten allerdings unbeabsichtigte Umweltfolgen. Sie weisen auf ein Experiment mit gentechnisch veränderter Baumwolle vor ein paar Jahren hin. Bauern sagten, die Qualität des Rohstoffs habe sich verringert. Das Experiment wurde schliesslich zugunsten konventioneller Samen aufgegeben.

«Wir werden nicht erlauben, dass die Einwohner von Burkina Faso als Versuchskaninchen gebraucht werden», sagte Ali Tapsoba, ein Aktivist des Landes. «Wenn wir ein Glied in der Nahrungskette vergiften, vergiften wir auch das nächste Glied.»

Diese Bedenken werden auch ausserhalb von Burkina Faso geteilt. Im November 2018 merkten die Unterzeichner einer Konvention zur Biodiversität der Vereinten Nationen an, dass es Unsicherheiten in Bezug auf veränderte «gene-drives» gebe. Kritiker der «gene-drives» fürchten, dass sie verwendet werden könnten, um das menschliche Genom zu verändern oder eine Biowaffe zu entwickeln.

In anderen Versuchen haben Forscher in Brasilien gentechnisch veränderte Moskitos freigelassen, um Krankheiten wie Gelbfieber und Zika zu steuern. Es ist aber nicht klar, wie wirksam diese Versuche waren.

Target Malaria hat nach eigenen Angaben die von ihrem Experiment betroffenen Gemeinden konsultiert. Auch werde die Forschung von nationalen Regulierungsbehörden überwacht, und es gebe ein unabhängiges Ethikkomitee.

Zwei Monate nachdem die Moskitos freigelassen wurden, sagte der Stammesführer Pascal Traore in Souroukoudinga Reuters gegenüber, dass die Dorfbewohner mit dem Fortschritt des Experiments zufrieden seien. «Wir alle glauben, dass das Projekt die Malaria verringern kann, die unsere Söhne und Töchter tötet», sagte er. «Das Projekt ist nicht für uns, sondern für die ganze Welt.»

Autor: Thiam Ndiaga, Reuters.

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